Der 8. Potsdamer Hospiztag fand am 18. Juni 2010 mit 200 Gästen im
Malteser Treffpunkt Freizeit in Potsdam am Heiligen See statt.
In ihren Begrüßungen fanden Dr. Karin Koch, Frank Hohn und Elona
Müller, Sozialbeigeordnete der Stadt Potsdam, anerkennende Worte
für die Arbeit der beiden Veranstalter. Wir freuen uns sehr,
dass Frau Müller sich jedes Mal die Zeit nimmt, beim Hospiztag
zu sprechen und dankten ihr dafür. Sie betonte, dass ihr dies
sehr wichtig sei und ihr die Unterstützung der Hospizarbeit in
Potsdam auch ein persönliches Anliegen sei.
Als Hauptreferentin konnten wir Dr. med. Barbara Schubert,
leitende Oberärztin der Palliativstation und des Brückenteams im
Krankenhaus St. Joseph-Stift in Dresden gewinnen. Sie referierte zum
Thema "Ambulante und stationäre spezialisierte
Palliativversorgung. Wo stehen wir und was sind die
Perspektiven?". Der Vortrag traf bei unseren Gästen auf
sehr positive Resonanz. Aus der Auswertung unserer üblichen
Teilnehmerbefragung - 80 ausgefüllte Fragebögen wurden abgegeben
- wissen wir, dass fast alle den Vortrag mit "sehr gut"
und "gut" bewerteten. Besonders gelobt wurde die hohe
Kompetenz sowie Offenheit und Lebendigkeit der Vortragenden und
die inhaltliche Brillianz. Auf Wunsch der Teilnehmerinnen und
Teilnehmer stellte Dr. Schubert ihren Vortrag zur
Veröffentlichung auf unserer Website zur Verfügung. Wir danken
ihr sehr dafür. Sie finden den Vortrag nachfolgend zum download:
Dr. Barbara Schubert: Stationäre und
ambulante spezialisierte Palliativversorgung
Darüber hinaus gab es nach dem bewährten Konzept wieder acht Workshops zu verschiedenen Themen. Fast alle Workshops erfüllten die Erwartungen der Teilnehmenden. Besonders gefiel, wenn die Teilnehmer direkt einbezogen wurden, viel Zeit für Diskussion eingeplant war, persönliche Fragen beantwortet und Anregungen für die Praxis mitgenommen werden konnten. Die uns zur Verfügung gestellten Workshopberichte nachfolgend als download:
Dirk Müller: Palliativkultur im Pflegeheim
Astrid Steinmetz: Kommunikation ohne Worte
Dr. Anja Hermann: Patienten und Angehörige als Netzwerkpartner
Die
meisten Personen, die einen Fragebogen ausfüllten und abgaben,
kamen aus der Pflege. Aus den Anmeldungen wissen wir, dass
außerdem sehr viele ehrenamtliche Hospizmitarbeiterinnen und -mitarbeiter
den Hospiztag besuchten. Uns freut, dass unsere Gäste mit der
Organisation zufrieden waren. Sie lobten das von den
Ehrenamtlichen und uns gestaltete Buffet mit selbst gebackenem
Kuchen, die Ausstellung und Infostände, die Kommunikation
miteinander und die Atmosphäre des Tages insgesamt. Zur Länge
der Pausen gab es unterschiedliche Meinungen: Die einen wünschen
sie sich kürzer, die anderen hielten eine längere Pause für den
Austausch untereinander für wichtig. Kritische Stimmen gab es
vereinzelt zur Umsetzung und Größe einiger Workshops (z. B.
teilweise zu viele Teilnehmer). Die Rückmeldungen werden
insgesamt sehr hilfreich sein, um den nächsten Hospiztag
organisatorisch weiter zu optimieren und die Themenwahl auf die
Bedürfnisse und Interessen der Teilnehmer auszurichten. Vielen
Dank!
Zum Abschluss begeisterte ein Highlight der besonderen Art: Das Improvisations-Theater
"HotDocs" aus
Potsdam. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig:
Ein wunderbares Programm zum Entspannen und Lachen nach einem
beeindruckenden und intensiven Veranstaltungstag.
Eindrücke und Gedanken einer Ehrenamtlichen zum Hospiztag
Auf dem Weg
Warum gehen Menschen zum Hospiztag? Weil sie keinen Fußball mögen?
Die, die es doch tun, hatten eine Entscheidung zu treffen am 18. Mai, dem Tag der Hospizbewegung und gleichzeitig dem Tag des Gruppenspiels bei der Weltmeisterschaft, Deutschland gegen Serbien. Vor Ort beim Hospiztag waren wohl nicht nur Fußballgegner, was die häufigen Nachfragen nach dem Spielstand vermuten ließ, aber einige von denen, die in beide Richtungen interessiert sind, blieben sicher zu Hause, was dem Treffen anfangs einen etwas kleineren, fast familiären Rahmen verlieh.
Aber auch das ist so bezeichnend- wir können nur an einem Ort sein und uns von etwas einnehmen lassen, und dazu müssen wir eine Entscheidung treffen, solange wir die Freiheit zur Wahl noch haben. Sie zu besitzen ist ein kostbares Gut, sie zu verlieren vielleicht eine unserer elementarsten Ängste. Vielleicht ist dies auch ein Grund zum Hospiztag zu gehen. Der Versuch, die wenig populäre, von uns ferngehaltene, angstbesetzte, keine öffentliche Stimme innehabende letzte Lebensphase ein Stück aus ihrer Fremde und von diffusen Befürchtungen belasteten Sphäre auszulösen. Wir begegnen dem, wovor wir uns im Grunde fürchten. Eine Taktik, die wir verbreitet und erfolgreich im Leben anwenden, um uns innerlich vorzubereiten. Indem wir uns den Dingen annähern und sie uns vertraut machen, sie mit Gedanklichkeit und Besprechbarkeit versehen, nehmen wir ihnen auch gleichzeitig etwas von ihrem Schrecken und machen sie für uns gefühlt beherrschbarer.
Unsere Spezies hat oft das Bedürfnis wissen zu wollen, was auf sie zukommt - und beim Thema Sterben haben wir das Gefühl, nicht die Chance zu bekommen hinter das Geheimnis zu gelangen. Sicher, weil es ein nicht festgelegtes, ganz einmaliges Erlebnis ist, dass sich schon dadurch stark von allen bekannten Eindrücken des Lebens abgrenzt, da es im Gegensatz dazu sich nicht wie üblich auf Entwicklung und Wachstum im herkömmlichen Sinn ausrichtet. Wir müssen im Gegenteil lernen all das los zulassen, was uns im Leben als Prothese und Schlüssel zum Erfolg diente. All das verliert seine Funktion und dies zu erkennen ist vielleicht der letzte Gewinn, den wir erleben.
Vielleicht gehen einige Menschen tatsächlich zum Hospiztag, um sich eine Ahnung davon zu holen wie es sein wird, sich demütig und ergeben vom Leben zu verabschieden. Jeder noch so kleine Schritt in dies unbekannte Gebiet ist eine persönliche Eroberung, der auch das Leben bereichert, weil er möglicherweise etwas von der nicht greifbaren Angst nimmt, die sonst unbemerkt auf uns wirkt.
Ein großer Teil der Anwesenden war jedoch mit dem Thema bereits vertraut, beruflich oder auch privat und ehrenamtlich engagiert mit dem Wunsch, anderen Menschen in ihrer letzten Lebensphase ein Mensch zu sein, sie nicht allein zu lassen, ihnen mit der möglichen Empathie eine Unterstützung sein zu können.
Weshalb war ich selbst dort? Nun, zunächst, weil ich als ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin von meiner Koordinatorin angefragt wurde, ob ich gemeinsam mit einer zweiten Ehrenamtlichen einen Workshop übernehmen könnte, in dem wir von unseren Erfahrungen berichten. Im Übrigen nicht wissend, dass Deutschland spielen würde, habe ich zugesagt. Aber auch um mir erneut ein Stück Sensibilität und Ehrfurcht vor dem hohen Thema zu erwerben. Denn natürlich spielt auch in meinem Leben der Gedanke an das Sterben nicht die primäre Rolle, zu sehr sind wir wohl darauf getrimmt zu (er)-leben und uns wird viel eher noch vermittelt, wie sich das Thema durch allerlei medizinische Raffinessen so weit wie möglich verschieben lässt. Und wenn ich zu einer Sterbebegleitung gerufen werde, bedeutet dies auch für mich, dass ich aus meinem Lebensfluss aussteigen muss und mir ein Gefühl dafür erarbeiten darf, was es ganz persönlich für diesen Menschen beinhaltet Lebewohl zu sagen und sich dem Sterben zuzuwenden.
Als man mich bat einen Bericht über den diesjährigen Hospiztag zu schreiben, traf mich zunächst ein spontaner Schreck, da ich mich angesichts des ungeheuer kompetenten, fachlich wie human geprägten und im Konzept völlig schlüssigen Vortrags von Frau Dr. Schubert, der sowohl Möglichkeiten wie Grenzen der allgemein zugänglichen spezialisierten Palliativversorgung umfasste, total außer Stande sah, dies in irgendeiner Form komprimiert und nachvollziehbar wiederzugeben. Mit dem Hinweis, dass er für alle Anwesenden eine verständliche und lockere Einführung bedeutete, habe ich mir dies auch zu unterlassen erlaubt.
In dem Workshop, den ich selbst besucht habe - über Palliativkultur in Pflegeheimen -, habe ich mich ob des Ortes ein wenig wie im Hörsaal für Studenten gefühlt und erinnerte mich an das Vorhaben, diese Thematik zukünftig auch angehenden Medizinern nahe zubringen. Diese allmähliche Vernetzung ist ein langer, aber fruchtbarer Weg, um Sterben aus seiner Existenz als Randerscheinung herauszulösen.
Das gesellschaftliche und politische Augenmerk ist noch nicht auf unsere letzten Augenblicke gerichtet. Das könnte sich jedoch in Zeiten des demografischen Wandels ändern. Denn eine immer größer werdende Zahl der Menschen sieht sich - vielleicht auch zunehmend bewusster werdend - dem Lebensende gegenüber. Mit der dichteren Betroffenheit einer mehrheitlichen Schicht der Bevölkerung wächst vielleicht zwangsläufig die gesellschaftliche Aufmerksamkeit und das Gefühl für die Evidenz und Dringlichkeit für dieses Thema. Also beginnt jetzt der Moment, da wir die Möglichkeit zur Prägung einer ganz eigenen Kultur besitzen. Die Maßstäbe die, ausgehend von einer menschlich persönlichen Fähigkeit zur Sensibilität, letztlich zur gesellschaftlichen Norm entwickelt werden, geben wir an folgende Generationen weiter und pflanzen dort Selbstverständnis und endlich Tabulosigkeit. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die im Kleinen beginnt, und deren Geist man bei Treffen wie denen auf dem Hospiztag spürt, da dort konzentriert Menschen zusammentreffen, denen das Thema bewusst ist und am Herzen liegt.
In den Pausen luden verlockend duftende Kuchen und Kaffee zu Gesprächen und Austausch ein. Im Foyer konnte man sich wieder über verschiedene Angebote und Dienste informieren. Besonderes Interesse erlangte ein Stand, der selbst entworfene Trauerkunst anbot. Aus leichtem Holz gefertigte Bilder, die auch das plötzliche Fehlen eines Menschen unserer Mitte darstellen, geben Symbole Trost -da wo die Kraft der Worte endet. www.lacrimo-trauerschmuck.de
Bei dem von mir mitgestalteten Workshop trafen wir auf Menschen unterschiedlichster Motivation. Für uns war dies eine sehr angenehme Runde, weil sich rasch ein anregender Austausch entwickelte, der auf Interesse basierte und auch Grundfragen menschlichen Könnens berührte.
Der lohnende Abschluss bildete ein Programm des Improvisationstheaters „HOTDOCS“ aus Potsdam, welches unter Mitwirkung des Publikums aus dem Stegreif spielte, was zu allgemeiner Erheiterung beitrug. Rundum ein gelungener, gut vorbereiteter Tag.
Übrigens, Deutschland wurde bei der WM Dritter! Bleibt zu hoffen, dass Lebensende und Sterben bald auch eine ähnlich vordere Platzierung in unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis erlangt.
Kerstin Klimczok, Ehrenamtliche Mitarbeiterin, Hospiz- und Palliativberatungsdienst Potsdam